Selbstreflexion für Eltern: Wenn dein Kind den Kontakt abgebrochen hat

Selbstreflexion für Eltern

Wenn dein erwachsenes Kind den Kontakt abgebrochen hat oder die Beziehung dich zermürbt: 16 ehrliche Fragen, als Einladung, deine eigene Lage in Ruhe anzuschauen.

Beantworte jede Frage für dich mit: Ja / Manchmal / Nein

Der Kontakt heute

  1. Hat dein Kind den Kontakt abgebrochen – plötzlich oder schleichend – und Nachrichten, Anrufe oder Briefe bleiben unbeantwortet?
  2. Meldet sich dein Kind fast nur noch, wenn es etwas braucht – Geld, Betreuung, Unterschriften – und dazwischen herrscht Schweigen oder Kälte?
  3. Hast du bei jedem Kontakt Angst, etwas Falsches zu sagen, das alles noch schlimmer macht?
  4. Wird der Kontakt zu den Enkelkindern gewährt und entzogen – je nachdem, ob du „funktionierst“?

Deine Gedanken

  1. Hält dich die Frage „Was habe ich falsch gemacht?“ nachts wach – seit Monaten oder Jahren, ohne dass je eine Antwort genügt hätte?
  2. Werden gemeinsame Erinnerungen für ungültig erklärt („Das war nie so“) – und beginnst du, an deinem eigenen Gedächtnis zu zweifeln?
  3. Spielst du Gespräche und Ereignisse wieder und wieder durch, auf der Suche nach dem einen Moment, der alles erklärt?
  4. Verheimlichst du die Situation vor Freunden, Verwandten oder Kollegen – aus Angst vor der Frage, was da wohl „vorgefallen“ ist?

Dein Alltag

  1. Lebst du in Bereitschaft – das Telefon nie lautlos, jeder Klingelton ein Hoffnungsstoß, jede fremde Nummer ein Herzschlag?
  2. Sind Feiertage, Geburtstage und Jahrestage zu Bergen geworden, die du nur noch überstehen willst?
  3. Hast du dich aus Freundschaften oder Familienrunden zurückgezogen, weil die Frage „Und, was machen die Kinder?“ zu weh tut?
  4. Hast du Dinge aufgegeben, die dir früher Freude gemacht haben – weil Freude sich wie Verrat anfühlt?

Dein Inneres

  1. Bist du erschöpft – körperlich, seelisch – und schläfst schlecht, obwohl „eigentlich nichts passiert“ ist?
  2. Trägst du das Gefühl, als Mutter oder Vater versagt zu haben – auch wenn du es rational anders weißt?
  3. Gibt es neben der Trauer auch Wut – auf dein Kind, auf die Umstände, auf dich – für die du dich schämst?
  4. Fragst du dich manchmal, ob deine Trauer überhaupt „berechtigt“ ist – weil dein Kind ja lebt?

Zur Einordnung

Wenn du viele Fragen mit „Ja“ oder „Manchmal“ beantwortet hast, dann trägst du wahrscheinlich das in dir, was Fachleute als ambivalenten Verlust bezeichnen. Es ist der Verlust eines Menschen, der lebt und gleichzeitig fühlst du eine Trauer, die „aberkannt“ erscheint. Trauer, der die Anerkennung verweigert wird. Deine Erschöpfung, deine Scham, dein Kreisen, deine Wut, deine Verzweiflung und dein Unverständnis sind keine Schwäche und kein Schuldbeweis. Sie sind normale Reaktionen auf eine Ausnahmesituation, die andauert und die gesellschaftlich nicht sein darf.

Was dieser Fragebogen bewusst nicht tut

Er stellt keine einzige Frage über dein Kind und ob es „narzisstisch“ ist, ob es undankbar ist und wer schuld hat. Nicht, weil diese Fragen verboten wären, sondern weil sie dich nicht weiterbringen. Sie halten den Scheinwerfer auf einen Menschen gerichtet, den du nicht ändern kannst. Dieser Fragebogen dreht ihn um – auf dich, deine Lage, dein Leben. Denn dort liegt das Einzige, was in deiner Hand ist.

Ein wichtiger Hinweis: Wenn Erschöpfung, Hoffnungslosigkeit oder Schlaflosigkeit dich seit Längerem begleiten, sprich bitte zusätzlich mit deiner Hausärztin oder deinem Hausarzt – anhaltende Niedergeschlagenheit wird gerade im Alter oft als „verständliche Traurigkeit“ übersehen. In akuten Krisen: Telefonseelsorge 0800 111 0 111 (rund um die Uhr, kostenfrei, anonym).

Wie es weitergehen kann: Auf der Seite für Eltern erwachsener Kinder findest du meinen Weg für diese Situation – und im Beitrag Wenn das eigene Kind den Kontakt abbricht eine erste Einordnung zum Weiterlesen.