Methode · 4 Min Lesezeit

Warum ich als Coachin keine Rechtsberatung mache – obwohl ich Juristin bin

Manchmal kommt die Frage schon im Kennenlerngespräch, meist etwas verlegen: „Sie waren doch Juristin – können Sie mir sagen, ob ich da eine Chance habe?“

Ich verstehe die Frage gut. Wer in einem Verfahren steckt, ist erschöpft von Unklarheit. Anwaltstermine sind kurz und teuer, das Internet ist voller Halbwahrheiten, und hier sitzt jemand, der die Sprache kennt. Trotzdem lautet meine Antwort: Nein. Und ich möchte erklären, warum – denn dieses Nein ist keine Förmelei, sondern der Grund, warum meine Begleitung überhaupt funktioniert.

Die formale Seite in zwei Sätzen

Rechtsberatung im Einzelfall ist in Deutschland durch das Rechtsdienstleistungsgesetz geregelt: Sie darf nur erbringen, wer als Rechtsanwältin zugelassen ist oder unter eine andere ausdrückliche Erlaubnis fällt. Ich bin Juristin – aber ich arbeite nicht als Anwältin, sondern als Coachin. Damit ist die Sache klar: Allgemeines Wissen über Rechtslagen darf ich vermitteln. Empfehlungen für deinen konkreten Fall darf ich nicht geben.

So weit die Regel. Der interessantere Teil kommt jetzt.

Warum diese Grenze dir nützt

Es gäbe eine Version meiner Arbeit, in der ich beides mische: erst über deine Gefühle sprechen, dann über deine Erfolgsaussichten. Diese Version wäre schlechter. Aus drei Gründen.

Erstens: Wer Strategie bewertet, hört anders zu. Sobald in meinem Kopf die Frage mitläuft „Was ist davon verwertbar?“, verändert sich mein Zuhören. Ich sortiere dann deine Geschichte nach Relevanz statt nach Bedeutung. Genau das haben viele meiner Klient:innen jahrelang erlebt – dass ihr Erleben in Kategorien gepresst wurde, die andere gesetzt haben. Das soll hier nicht wieder passieren.

Zweitens: Zwei Rollen sind keine Sicherheit, sondern Verwirrung. Es muss klar sein, wer welchen Job hat. Deine Anwältin kämpft für deine Position. Ich begleite dich dabei, in diesem Kampf nicht du selbst zu verlieren. Wenn ich beides täte, hättest du niemanden mehr, der nur das Zweite im Blick behält – und das Zweite ist das, was von deinem Leben übrig bleibt, wenn das Verfahren irgendwann endet.

Drittens: Halbe Rechtsauskünfte sind gefährlicher als keine. Ich kenne die Materie gut genug, um zu wissen, wie viel an Einzelheiten hängt – an Fristen, an Zuständigkeiten, an der Frage, was tatsächlich in der Akte steht. Ein Satz von mir, der zu 80 Prozent passt, kann dich teurer zu stehen kommen als gar kein Satz. Das riskiere ich nicht.

Was ich stattdessen tue

Meine juristische Vergangenheit verschwindet ja nicht. Sie arbeitet nur anders.

Ich übersetze. Wer sind die Beteiligten in einem familiengerichtlichen Verfahren, und wessen Interesse vertreten sie? Was ist ein Verfahrensbeistand? Was passiert bei einer Anhörung? Warum stellt das Jugendamt diese Fragen? Angst wächst im Unklaren. Verstehen ist Stabilisierung – und es ist etwas anderes als Beratung.

Ich sortiere die Vorbereitung. Was gehört in eine Chronik, was nicht. Wie du fünfzehn Anwaltsminuten so nutzt, dass etwas dabei herauskommt. Wie sich Fakten von Deutungen trennen lassen. Nicht was du vortragen sollst – sondern wie du überhaupt ordnungsfähig wirst.

Ich halte den Ton. Nachrichten, die eskalieren, landen später in Akten. Wir üben sachliche, freundliche, kurze Kommunikation – nicht, weil du dich zusammenreißen sollst, sondern weil Ruhe im Konflikt deine stärkste Position ist. Vor Gericht und vor deinen Kindern.

Ich kenne die Kosten, die nicht in der Rechnung stehen. Verfahren fressen Jahre, Aufmerksamkeit, Schlaf und Gegenwart. Darüber wird selten gesprochen, weil dafür niemand zuständig ist. Hier schon.

Und ich verweise – aktiv. Wenn eine Frage anwaltlich gehört, sage ich das, statt es zu umgehen. Das ist kein Eingeständnis von Grenzen. Es ist der Job.

Zwei Stimmen, ein Mensch

Ich habe für mich eine kleine Form gefunden, in der beides Platz hat, ohne sich zu vermischen. Sie klingt in Sitzungen manchmal so:

Als Juristin würde ich sagen: Da gibt es einen Weg, und den prüft eine Fachanwältin.

Als Coachin frage ich: Und wie geht es dir mit dem Weg – und was brauchst du, um ihn zu gehen, ohne dabei unterzugehen?

Die erste Stimme kennt Verfahren. Die zweite kennt dich. Meine Arbeit ist die zweite – und sie ist besser, weil die erste weiß, wann sie schweigt.


Dieser Beitrag enthält allgemeine Informationen zur Rechtslage in Deutschland und ist keine Rechtsberatung im Einzelfall. Für deine konkrete Situation ist eine Fachanwältin oder ein Fachanwalt für Familienrecht die richtige Adresse. Mein Coaching ist keine Psychotherapie und ersetzt keine Behandlung.

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Deine Julia