Wenn zwei Menschen sich streiten, taucht fast immer dieselbe stille Frage auf: Wer hat angefangen? Wer ist schuld? Wir suchen nach dem oder der Verantwortlichen, als ob das Finden der Schuld irgendetwas heilen würde. Aber das tut es nie. Schuld trennt. Sie stellt zwei Menschen einander gegenüber, statt sie nebeneinander zu setzen.
In meiner Arbeit mit Paaren und Einzelpersonen ist das vielleicht der wichtigste Satz, den ich immer wieder mitbringe: Es geht nie um Schuld. Es geht immer um Verbindung.
Warum die Schuldfrage in die Sackgasse führt
Sobald wir nach Schuld suchen, schalten wir in einen Modus, der Beziehung unmöglich macht: Wir verteidigen uns, wir rechtfertigen uns, wir zählen auf, wer wann was getan hat. Das Gegenüber wird zum Gegner. Und während wir damit beschäftigt sind, recht zu behalten, verlieren wir das aus den Augen, worum es eigentlich geht – einander wieder nahe zu sein.
Das Bedürfnis nach Schuld ist menschlich. Es gibt uns das Gefühl, die Welt sei geordnet: Es gibt eine Ursache, einen Verursacher, und wenn wir den finden, ist alles erklärt. Aber Beziehungen funktionieren nicht so. In einer Beziehung gibt es selten einen einzigen Schuldigen – es gibt zwei Menschen, die beide etwas brauchen und beide manchmal aneinander vorbeireden.
Hinter jedem Vorwurf
steckt ein unerfülltes Bedürfnis.
Was an die Stelle der Schuld treten kann
Wenn wir die Schuldfrage loslassen, wird Raum frei für eine andere, viel hilfreichere Frage: Was hat hier gerade gefehlt? Was hat sich der eine gewünscht und nicht bekommen? Was hat die andere gebraucht und nicht ausdrücken können?
Hinter fast jedem Vorwurf steckt ein unerfülltes Bedürfnis. „Du hörst mir nie zu“ heißt oft: „Ich sehne mich danach, dass du wirklich da bist.“ „Dir ist alles andere wichtiger als ich“ heißt vielleicht: „Ich möchte spüren, dass ich dir wichtig bin.“ Wenn wir lernen, hinter den Vorwurf zu schauen, verändert sich alles. Aus Anklage wird ein Wunsch. Und auf einen Wunsch kann man eingehen – auf eine Anklage kann man nur reagieren.
Ein erster Schritt
Beim nächsten Mal, wenn du dich in einem Konflikt wiederfindest und merkst, wie die Schuldfrage hochkommt, halte einen Moment inne. Frag dich nicht „Wer ist schuld?“, sondern „Was brauche ich gerade – und was braucht mein Gegenüber vielleicht?“ Diese kleine Verschiebung ist nicht leicht. Aber sie ist der Anfang von Verbindung.
Und falls ihr als Paar immer wieder an denselben Punkt kommt – das ist kein Versagen. Manchmal braucht es einfach jemanden von außen, der den Raum hält, in dem ihr euch wieder hören könnt.
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